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Agentische AI 2025: Zwischen Hype, Realität und Sicherheitsrisiken

Ob Customer Service, Softwareentwicklung oder Prozessautomation – agentische AI verspricht viel. Wie viel davon ist Hype und was funktioniert heute bereits in Unternehmen? AI-Experte Bennet Krause erklärt im Interview, wo AI-Agenten heute schon echten Wert bringen, warum so viele Projekte scheitern und worauf Entscheider*innen achten müssen. 

Wissen
Software, KI, Prozessautomatisierung

Was ist ein Agent – und was nur Marketing? 

Bennet Krause zieht eine klare Linie: Ein Agent ist mehr als ein Chatbot. Er plant, nutzt Werkzeuge, arbeitet mehrstufig und kann den Zustand der Welt verändern, etwa, indem er Daten in einem Kundenkonto anpasst

Agentic AI ist ein KI‑System, das nicht nur Antworten generiert, sondern mit einem klaren Ziel und gewisser Autonomie handeln kann.

Woran erkennt man das praktisch? Bennet nennt zwei Mindestkriterien: Erstens müssen mindestens mehrere Tools genutzt werden können; zweitens braucht der Agent die Freiheit, so lange zu arbeiten, bis die Aufgabe gelöst ist – inklusive erneuter Abfragen, Umformulierungen und Zwischenschritte. „Alles, was keine Werkzeuge benutzt und nur einen Schritt macht – etwa einmal suchen und zusammenfassen –, ist kein Agent."

Was heute funktioniert: klar abgegrenzt, geringes Risiko 

Produktionsreife Anwendungsfälle gebe es immer noch wenige, meint Bennet. Geeignet seien Aufgaben, die klar abgegrenzt, messbar und mit geringem Risiko verbunden sind. Als Paradebeispiel nennt der AI-Experte Kundenservice Level 1: einfache Anfragen beantworten, den richtigen Self‑Service verlinken, Statusinformationen abrufen – oder eben an einen Menschen weiterleiten. 

Die erste Welle im Support, die das Gröbste rausfiltert – das ist relativ gut machbar.

Tiefgreifende, komplexe Probleme mit vielen Systemintegrationen und aktiven Änderungen sind heute oft noch zu riskant – die Fehlerquoten sind zu hoch. 

Im kontrollierten Rahmen könne ein Agent aber durchaus Änderungen vornehmen, z. B. eine Adresse im Kundenkonto anpassen – sofern ein Backend automatisch prüft und Freigaben gesetzt sind. Breitere, tief integrierte Änderungen hält Bennet derzeit für zu riskant. 

Warum End‑to‑End‑Automation noch Science‑Fiction ist 

Viele träumen vom „autonomen Mitarbeitenden", die ohne große Aufsicht alles Mögliche machen könnten, was ein Mensch könne. Bennet bremst: „Von autonomen Mitarbeitenden sind wir noch weit entfernt."

Der Weg in die Produktionsreife sei noch weit. Demos funktionieren, doch für breite Roll-Outs bräuchte man Fehlerraten nahe Null; „ganz gut" reicht für den produktiven Einsatz einfach nicht. Bei Hunderttausenden Nutzer*innen können wenige Prozent Fehlerrate schon erheblichen Schaden verursachen.

Wir sind im Moment in einer Phase, in der Unternehmen sehr genau prüfen müssen, welche Use Cases realistisch machbar sind – sowohl aus der technischen Perspektive von den Fähigkeiten der Modelle her, aber auch bezogen auf Sicherheitsaspekte.

  • Produktionsreif: klar abgegrenzte, risikoarme Aufgaben (z. B. Kundenservice L1) 
  • Begrenzt: „ändernde Aktionen“ nur in kontrollierten, geprüften Fällen 
  • Nicht reif: komplexe End‑to‑End‑Automation ohne Aufsicht 

Orchestrierung: Einfach stark, komplex riskant 

Bennet empfiehlt nur an den Stellen, wo klassische Prozessautomatisierung nicht greift und die Dynamik von LLMs wirklich gebraucht wird, einen kleinen spezialisierten Agenten einzusetzen, der begrenzten Handlungsspielraum hat.  

Wenn nötig könne RAG (Retrieval-Augmented Generation) für Wissenskontext hinuzugefügt werden. Ergänzend kann ein Router an spezialisierte Mini‑Agenten delegieren. Vor generischen Multi‑Agent‑Systemen warnt er: je mehr Schritte, desto höher die Gesamtfehlerrate; ein Supervisor kann Ergebnisse der Sub‑Agenten oft nicht verifizieren. 

Multi‑Agent‑Systeme klingen gut, sind aber schnell intransparent – und Fehler potenzieren sich. Die Idee an sich ist sehr schön und vielleicht wird das irgendwann mal funktionieren, aber im Moment ist das Science Fiction.

Insgesamt fehlen den Agenten hier noch die entscheidenden Fähigkeiten, Fehler entweder nicht zu machen oder Fehler zu erkennen und selbstständig zu korrigieren. „Standardmäßig lernt ein Agent gerade überhaupt nicht aus seinen Fehlern. Es gibt verschiedene Konstrukte, wie man das versucht zu simulieren, aber das funktioniert bis jetzt noch überhaupt nicht gut.” 

  • Do: einzelner Agent + Tools (+RAG), klarer Rahmen, 5-10 definierte Tools
  • Do: Router → spezialisierte Mini‑Agenten für eng umrissene Aufgaben 
  • Don't: ein „großer Agent für alles" oder intransparente Multi‑Agent‑Geflechte 

Sonderfall Coding Agents: Warum es hier schneller geht 

In der Softwareentwicklung erkennt Bennet die größten kurzfristigen Fortschritte. Entwicklungsumgebungen lassen sich simulieren; Agenten können stundenlang arbeiten, Code generieren, testen und iterativ verbessern – ohne Produktion zu gefährden. 

Wenn der Code nicht gut ist, wird er einfach nicht akzeptiert – das reduziert das Risiko massiv.

Für generische Office‑Tätigkeiten sieht er Forschungsfortschritte bei der „Computer‑Bedienung" durch Modelle (Browser‑, Maus‑, Tastatur‑Steuerung). Das könne End‑to‑End‑Aufgaben ermöglichen – von Recherche über Dokumentation bis E‑Mail‑Versand, sei aber nicht die generelle Lösung und bleibe textuellen Schnittstellen meist unterlegen. Der Weg dorthin sei außerdem noch sehr lang und die Forschung hier erst am Anfang. 

Sicherheit zuerst: Least Privilege, Kill‑Switches, menschliche Freigaben 

Für den sicheren Einsatz formuliert Bennet klare Prinzipien: Least‑Privilege‑Zugriffe, Logging, Kill‑Switches und menschliche Freigaben für risikoreiche Aktionen. Ein Agent darf nie höhere Rechte haben als die Person, mit der er interagiert. 

Agenten dürfen nur auf Daten zugreifen, die der jeweilige Nutzer auch sehen darf.

Besonders kritisch sind Prompt Injections – manipulierte Inhalte in Tickets, E‑Mails oder Dokumenten, die Agenten zu ungewollten Aktionen verleiten. Filter helfen, sind aber nie perfekt. Der robuste Schutz liegt laut Bennet in der Architektur: Tools so beschränken, dass sie kritische Aktionen technisch gar nicht ausführen können.

Angriffsfläche: Wenn eine E‑Mail reicht 

Bennet beschreibt einen Fall aus einem Sicherheitsbericht: Ein generisch gebauter Agent mit zu breiten Rechten ließ sich über eine simple E‑Mail manipulieren und begann, CRM‑Daten an eine fremde Adresse zu senden. Sein Fazit: Rechte stark begrenzen, Empfänger whitelisten, sensible Tools grundsätzlich nur mit menschlicher Freigabe. 

Der Agent hätte nie in der Lage sein dürfen, beliebige Empfängeradressen zu nutzen.

  • Least‑Privilege: Rechte strikt auf Nutzer‑Level begrenzen 
  • Vier Augen bei Risiko‑Aktionen (menschliche Freigabe) 
  • Logging & Kill‑Switches: Aktionen nachvollziehen und stoppen können 
  • Angriffsoberfläche reduzieren: gefährliche Aktionen technisch unmöglich machen

Scheitern mit Ansage: Wo AI‑Projekte hängen bleiben 

Sicherheitsbedenken sieht Bennet als einen der Gründe für das Scheitern von AI-Projekten. Viele Projekte würden aus Angst vor Compliance‑Risiken erst gar nicht gestartet. Verschiedenen Untersuchungen zufolge wird ein großer Anteil der AI‑Initiativen derzeit abgebrochen; viele POCs enden vor der Produktion. Bennet sieht hier auch Management-Fehler: Die entsprechenden POCs würden entwickelt, ohne Strategie für Betrieb, Budget und Verantwortlichkeiten von vornherein mitzudenken. 

Viele Proof of Concepts werden entwickelt, ohne eine klare Vision zu haben, wie diese irgendwann einmal echten Wert stiften können. Ohne diese und Budget für die Weiterentwicklung zu einem produktionsreifen System, den Betrieb, Verantwortliche und klare KPIs fehlt die Brücke in die Realität.

Warum es sich trotzdem lohnt, jetzt anzufangen 

Trotz der eher ernüchternden Einschätzung plädiert Bennet dafür, mit AI im Unternehmen zu experimentieren – aber fokussiert. Erfahrungen aus echten Einsätzen schärfen Klarheit über die Prozesse, geben Aufschluss über Umfang und Qualität von benötigten Daten und bereiten die Systeme darauf vor, zukünftig mit Agenten zu interagieren. Wichtig sei, Projekte so zu schneiden, dass der Nutzen nachweisbar wird – statt reflexartig „überall AI“ zu integrieren. Diese Erfahrungen seien enorm wertvoll. Und: 

Ein erfolgreicher Anwendungsfall kann viele gescheiterte Experimente finanzieren.

Ausblick auf das nächste Jahr: Stabilisierung statt Wunder 

Bennet sieht das nächste Jahr realistisch:  

Ich erwarte keinen radikalen Durchbruch – eher, dass klar wird, was wirklich Wert bringt.

Grundlegende Limitierungen verschwänden erstmal nicht; vieles wird aber schrittweise besser. Er rechnet mit längeren Kontextfenstern und besseren Gedächtnisfunktionen (Memory), damit Agenten längere Aufgabenketten zuverlässig bearbeiten. Im Bereich Customer Service könnte Level 2 erreicht werden. Coding Agents hingegen könnten bald ganze Tickets übernehmen. Insgesamt meint Bennet aber, der Hype könnte einer bedachteren Nutzung weichen, statt "Copilots überall" rechnet er mit einem nüchterneren Einsatz da, wo es Sinn ergibt.  

TLDR

Fragen, die Entscheider jetzt stellen sollten 

  • Reifegrad: Was fehlt uns für „AI‑Reife“ (Governance, Ownership, KPIs, Datenqualität)? 
  • Sicherheit: Wie adressieren wir Prompt Injections? Haben wir ausreichendes Logging und Monitoring? 
  • Use‑Case‑Reife: Welche Low‑Risk‑Use‑Cases funktionieren und liefern binnen 6 Monaten messbaren Wert? 
  • Scheitern: Wie sichern wir Business‑Case, Betriebsbudget und klare Verantwortlichkeiten ab? 
  • Regulatorik: Welche Pflichten rund um AI Act und Compliance adressieren wir in welcher Reihenfolge? 

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Autorin

Kali Richter

Textaffine Wortakrobatin, die den Spagat zwischen kreativen Ideen und pragmatischen Lösungen liebt. Turne daher mit viel Freude im Marketing-Team.

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