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Agentic AI in Camunda 8: Was heute geht und was morgen kommt 

Auf der CamundaCon in New York war ein Thema allgegenwärtig: Agentic AI und dessen intelligente Verknüpfung mit Prozessautomation. Mit dem kommenden Camunda Release 8.8 werden Agenten zu einem integralen Baustein in der Orchestrierung. Was genau steckt dahinter, wie relevant ist das Thema für Unternehmen und wo geht die Reise hin? 

Wissen
KI, Agentic AI, Prozessautomatisierung, Innovation, Digitalisierung, Camunda

Was „Agentic AI" in Camunda wirklich bedeutet 

Stellt euch einen eurer komplexen Geschäftsprozesse vor. An einer Stelle muss ein Mitarbeiter eine unstrukturierte E-Mail lesen, den Inhalt interpretieren, die richtigen Daten aus drei verschiedenen Systemen ziehen und dann entscheiden, wie es weitergeht. Diese „unscharfen" Schritte sind traditionell schwer zu automatisieren. 

Genau hier setzt Camunda an. Die Kernidee ist einfach und genial zugleich: KI-Agenten erledigen die unscharfen, nicht-deterministischen Aufgaben, während der BPMN-Prozess den übergeordneten Workflow vorgibt, sowie die robusten Leitplanken (Guardrails) bildet. 

In der Praxis sieht das so aus: Ihr modelliert (oder habt) einen ganz normalen BPMN-Prozess. An der Stelle, wo die Magie passieren soll, platziert ihr einen Ad-hoc-Subprozess. Seht diesen Subprozess als den Werkzeugkasten („Toolbox") des Agenten. Darin liegen die Werkzeuge, die er benutzen darf: ein Service-Task zum Abrufen von Kundendaten, ein Connector zu einem Dokumenten-Analyse-Service oder sogar ein User-Task, um an einen Menschen zu delegieren. 

Ein AI-Agent für Customer-Service, implementiert mittels Agent Connector und Ad-hoc-Subprozess.

Über den neuen AI Agent Connector gebt ihr einem LLM eurer Wahl (OpenAI, Anthropic, Google etc.) Zugriff auf diese Toolbox. Der Agent kann dann basierend auf einem Ziel – z. B. „Kläre die Kundenanfrage“ – selbstständig planen, welche Tools er in welcher Reihenfolge aufruft, und anschließend das Ergebnis zurück an den Prozess geben. 

Die wichtigsten Bausteine in Camunda 8.8 dafür sind: 

  • AI Agent Connector: Die Brücke zwischen eurem Prozess und dem LLM, die das Tool-Calling aus der BPMN-Toolbox ermöglicht. 
  • Ad-hoc-Subprozess: Ein neu belebtes Element aus dem BPMN-Standard, das elegant den Rahmen für die Toolbox vorgibt, sowie die Ausführungssemantik der Tool-Calls bestimmt. 

Des Weiteren stehen neu zur Verfügung: 

  • Vector DB Connector: Damit könnt ihr dem Agenten ein Gedächtnis geben und RAG-Muster (Retrieval-Augmented Generation) umzusetzen – essenziell für die Arbeit mit Dokumenten und Wissensdatenbanken. 
  • MCP Client Connector (Alpha): Erlaubt es, Tools zur Laufzeit dynamisch aus externen Katalogen zu entdecken. Viele Softwareanbieter stellen mittlerweile solche MCP-Server bereit, deren Nutzung ist aber mit besonderen Risiken verbunden und sie entziehen sich leider prinzipbedingt der expliziten Darstellung des BPMN-Diagramms. Der MCP Connector ist lediglich ein Gateway in eine weitere, implizite Toolbox. 
  • Und etwas versteckt: Ad-Hoc Tools Schema Resolver Connector. Dieser Connector wird intern vom AI Agent Connector aufgerufen, um die Tool-Definitionen aus dem Ad-Hoc-Subprozess zu extrahieren. Die isolierte Nutzung kann fürs Debugging hilfreich sein, oder wenn man eine eigene Agent Logik implementieren möchte, falls der Agent Connector einen Anwendungsfall nicht unterstützt. Dies ist problemlos möglich, da alles, was die Agent Loop benötigt, per Default in einer Prozessvariable steht. 

Das Geniale an der nativen Verbindung von Agent und Camunda: Während der Agent iteriert und seine Aufgaben erledigt, läuft er innerhalb des schützenden Rahmens eures BPMN-Prozesses. SLAs, Timer, Eskalationspfade, menschliche Freigaben und der lückenlose Audit-Trail werden weiterhin von der Camunda Engine gesteuert.

Wo ist der Unterschied zu Low-Code Agent-Buildern oder reinen Agent-Frameworks? 

Einige kennen vielleicht Tools wie n8n oder Frameworks wie LangGraph und crewAI. Wo positioniert sich Camunda? 

  • Im Vergleich zu Low-Code-Buildern (wie n8n): Diese Tools sind fantastisch, um schnell Automatisierungen mit Hunderten von Integrationen zu bauen. Camunda geht aber einen Schritt weiter und basiert auf dem BPMN-Standard. Diese formale Semantik ist für komplexe, langlaufende und auditpflichtige End-to-End-Prozesse in regulierten Branchen entscheidend. Dahinter steht mit Zeebe eine Engine, die für stateful Orchestrierung mit Skalierbarkeit, Resilienz und Incident-Handling (Operate!) gebaut wurde. 
  • Im Vergleich zu Code-First-Frameworks (wie crewAI): Camunda fokussiert sich auf die Orchestrierung des gesamten Geschäftsprozesses, in dem Menschen, Altsysteme und KI-Agenten zusammenspielen. Die Camunda Engine bringt von Haus aus DMN, Timer, Eskalationen und das Handling von Usertasks mit – Dinge, die man bei reinen Code-Lösungen selbst bauen müsste. 

Kurz gesagt: Camunda stellt den Operational Envelope bereit, in dem Agenten sicher und nachvollziehbar agieren können – Hand in Hand mit den umgebenden Geschäftsprozessen. 

Sinnvolle Einsatzfelder, die ihr heute angehen könnt 

Vergesst die Idee, dass ein Agent den gesamten Prozess übernimmt. Startet dort, wo der größte Schmerz und der höchste Wert liegt, sowie das Risiko überschaubar bleibt: 

  • Level 1 Customer Service: Ein Postfach quillt über mit Kundenanfragen. Ein Agent kann jede E-Mail klassifizieren, die Absicht erkennen, einfache Fragen auf Basis einer Wissensdatenbank selbst beantworten und einen Antwortentwurf erstellen. Ein Mensch prüft optional und gibt per User-Task frei. Der BPMN-Prozess stellt sicher, dass die SLA nicht verletzt wird. 
  • Incident-Management: Ein Monitoring-System meldet einen Fehler. Der Agent aggregiert und analysiert die Logs verschiedener Systeme, schlägt basierend auf einem Runbook eine Abhilfemaßnahme vor und löst ggf. in einem engen Rahmen erste Maßnahmen aus (z. B. einen Neustart eines Dienstes). Kritische Aktionen erfordern eine menschliche Freigabe, und der gesamte Vorgang wird auditiert. 

Die Faustregel lautet: Setzt Agenten dort ein, wo die Logik nicht vollständig vorab spezifiziert werden kann. Lasst alles, was deterministisch und regelbasiert ist, im klassischen BPMN-Workflow. 

Risiken, Probleme & offene Punkte 

Wie so oft gibt es kein Licht ohne Schatten. Die Integration von Agenten bringt enorme Chancen, aber auch neue Herausforderungen. Es ist entscheidend, diese von Anfang an mitzudenken. Ich sehe hier drei zentrale Bereiche: 

A) Die Operationalisierung 

Wie bringe ich das Ganze sicher in den Betrieb? Das betrifft nicht nur die Technik. Wir müssen uns mit dem Lebenszyklus von Prompts und Tools, neuen Rollenverteilungen (Prozess-Owner vs. AI-Owner) und LLMOps/AgentOps auseinandersetzen. Wer pflegt Prompt-Änderungen? Sollten Prompts als Teil des BPMN versioniert werden? Wie gehe ich mit Modell-Upgrades oder -Abkündigungen um? 

B) Die Sicherheit

Wie schütze ich mich vor Prompt Injection, bei der Angreifer den Agenten manipulieren? Wie verhindern wir, dass der Agent mehr tut, als er soll? Und wie stellen wir sicher, dass die von der KI generierten Ausgaben sicher sind? Sicherheitsfragen werden besonders kritisch, wenn Agenten mit Kunden kommunizieren können sollen, oder wenn Tools über das noch junge MCP-Protokoll angebunden werden.

C) Die Zuverlässigkeit

Wie überwachen wir einen nicht-deterministischen Prozess? Wie stellen wir die Qualität sicher (Evals)? Kosten, Latenz, Rate-Limiting und vor allem robuste Fallbacks, wenn der Agent scheitert, sind ebenfalls wichtige Themen. Die gute Nachricht: Eine Prozess-Engine wie Camunda bietet hier bereits viele Hebel (Retries, Incident Handling, Human-in-the-Loop). 

Diese drei Bereiche sind so wichtig, dass ich ihnen eigene, weitere Blogposts widmen werde. 

Ausblick: Der Weg zur AI-Driven Enterprise (?) 

Die Integration von Agentic AI in Camunda ist kein Allheilmittel, aber sie ist ein entscheidender und vor allem pragmatischer Schritt. Sie erlaubt es Unternehmen, die Vorteile von Agents zu nutzen, um die Automatisierungsquote zu erhöhen – ohne die Kontrolle, Sicherheit und Governance zu opfern, die traditionelle Prozessautomatisierung ermöglicht. 

Jetzt ist der richtige Zeitpunkt, sich damit zu beschäftigen. Die großen AI-Labs investieren gerade viele Milliarden, um Agents in mehr Bereichen zuverlässig zu machen. Während agentische Fähigkeiten bisher eher ein Nebeneffekt waren, werden die Modelle seit kurzem unter hohem Aufwand (mittels Reinforcement-Learning) speziell dafür trainiert. Entsprechend ist für 2026 und darüber hinaus damit zu rechnen, dass mehr und mehr Use-Cases praktikabel werden. 

Autor

Bennet Krause

Ich bin ein vielseitig interessierter Software-Enthusiast mit Vorliebe für Kotlin und Backend. Und ich mag Software, die Probleme löst statt schafft – und Hunde!

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