Planning Poker
Einleitung
Planning Poker ist eine agile Schätzmethode, die im Grunde genommen eine Variante der althergebrachten Delphi-Methode ist, bei der getrennte Expertenbefragungen vorgenommen werden. Wie man sieht, ist Planning Poker also kein “neumodischer Krams”, sondern eine durchaus arrivierte, klassische Methode.
Grundlage ist die Tatsache, dass die meisten Menschen ziemlich schlecht absolute Zahlen schätzen können (“ich brauche für diese Website 3,5 Tage”), aber erstaunlich gut Relationen erfassen können (“Für dieses Feature brauche ich sicher doppelt so lange wie für das andere.”). Man ersetzt also absolute Zahlen durch relative und das führt zu Schätzungen mit einer frappierenden Genauigkeit.
Eine weitere Veränderung zu klassischen Schätzverfahren besteht in der Trennung von Größe und Aufwand. Man denke sich einen richtig großen Steinhaufen aus großen, schweren Wackersteinen, die von einem Punkt A zu einem Punkt B transportiert werden müssen. Wird ein durchschnittlich gebauter Mann diese Arbeit verrichten, braucht er vielleicht drei Tage, bis der Stapel auf der anderen Seite ist. Fragt er noch drei Nachbarn um Hilfe, ist der Haufen möglicherweise in einem Tag drüben. Nimmt er sogar einen Bagger zuhilfe, ist er in einer Stunde fertig. Der Haufen hat aber in jedem Fall die gleiche Größe. Der Aufwand der Erfüllung einer Aufgabe ist also offenbar abhängig von der Anzahl der beteiligten Personen und der Toolauswahl. Das ist der Grund, warum nur Größen und nicht Aufwände geschätzt werden: schließlich weiß man noch nicht, wer (mit welchen Fähigkeiten) die Aufgabe später übernehmen wird.
Planning Poker wird regelmäßig nach Bedarf innerhalb von sog. Estimation Meetings gemacht (immer dann, wenn hinreichend viele neue Features zu schätzen sind). Wichtig ist nur, dass die Schätzklausur timeboxed (zeitlich begrenzt) ist, weil sonst die Konzentration nachlässt und man den Fokus verliert. Voraussetzungen für die zu schätzenden Aufgaben gibt es eigentlich keine, außer dass die Größe klein genug sein muss, um schätzbar zu sein und groß genug, um einen echten Mehrwert zu bieten. Inhaltlich muss es konkret genug sein, um eine gute Vorstellung von der späteren Lösung bekommen zu können.
Regeln
Planning Poker besteht nur aus einigen wenigen Regeln, die in der angegebenen Reihenfolge durchgeführt werden sollten:
- Im Vorwege wird ein gemeinsames Verständnis der Schätzgrößen dadurch hergestellt, dass eine Aufgabe, die das Team bereits einmal umgesetzt hat, ausgewählt wird. Es sollte eine möglichst einfache, kleine Aufgabe sein, die dann mit dem Wert 2 versehen wird. Hat das Team eine solche Aufgabe gefunden, werden alle weiteren Schätzungen relativ zu der Größe dieser Referenzaufgabe erfolgen.
- Die zu schätzende Aufgabe wird von einem Teilnehmer kurz vorgestellt. Idealerweise ist dies der Product Owner, da er die Aufgaben am besten kennen sollte, aber in der Praxis kann dies von jedem geleistet werden, der hinreichend gut Bescheid weiß.
- Jeder Teilnehmer der Schätzklausur sucht sich die Karte aus seinem Kartendeck, von der er glaubt, dass sie die passende Größe der Aufgabe darstellt und legt diese verdeckt vor sich hin.
- Sind alle Teilnehmer fertig mit der Auswahl, werden alle Karten gleichzeitig aufgedeckt. Nachträgliche Korrekturen sind nun nicht mehr möglich (gelegt ist gelegt, jetzt muss man für seine Meinung eintreten!).
- Derjenige, der die Karte mit dem höchsten Wert gelegt hat, muss nun mit dem Vertreter des niedrigsten Kartenwertes kurz diskutieren, warum sie glauben, dass die Umsetzung der Aufgabe so lange bzw. so kurz dauert. Alle anderen Teilnehmer sollten sich bei dieser Diskussion zurückhalten.
- Sind die wichtigsten Argumente ausgetauscht, wird erneut von allen geheim abgestimmt. Diese Schleife wird solange durchlaufen, bis ein Konsens erreicht wird. Keine Angst, das dauert nicht ewig, normalerweise ist nach spätestens drei Runden eine Einigung erreicht. Sollte dies einmal nicht eintreten, muss man sich auf ein Verfahren einigen: Mittelwert, einfache Abstimmung, Streichung der Extremwerte, hier muss man ein wenig experimentieren, welches Verfahren beim jeweiligen Team am besten funktioniert. Dabei bitte nicht vergessen: eine Schätzung ist immer ein ungefährer Wert mit einer gewissen Unsicherheit. Eine dogmatische Diskussion um den einen oder anderen Größenpunkt ist daher nicht angebracht.
- Dieses Verfahren wird nun auf jede zu schätzende Aufgabe angewendet. Wichtig ist hier, die vorher festgelegte Timebox nicht zu überziehen, sonst wird man mit Unkonzentriertheit und in der Folge mit schlechten Schätzungen bestraft. Ein gutes Indiz für zu lange Sitzungen ist das Ziehen der Karte mit der Kaffeetasse, die besagt, dass einer der Teilnehmer eine Pause benötigt.
Vorteile
Der wohl wichtigste Aspekt ist die Diskussion über die Aufgabe, die durchaus einen Selbstzweck hat. Durch die Vorstellung und das Feilschen um Punkte wird ein einheitliches Wissen bei allen Teilnehmern hergestellt, das sich im weiteren Verlauf der Realisierung als sehr hilfreich herausstellen wird.
Durch die Einigung auf eine Zahl wird eine geteilte Verantwortung für eben diese Zahl produziert. Ein späteres Herausreden (“Ich habe doch gleich gesagt, dass das viel länger dauert…”) ist nicht möglich. Das fördert die Gemeinschaft und zwingt jeden dazu, das gemeinsam definierte Ziel auch erreichen zu wollen.
Drückeberger und eher schüchterne Mitarbeiter werden gezwungen, Farbe zu bekennen. Durch das gleichzeitige Aufdecken der Karten haben sie keine Chance, sich hinter lautstarken Kollegen zu verstecken. Das hat zwei positive Effekte: auf der einen Seite fühlen man sich besser, wenn man sich getraut hat, seine Meinung zu äußern (und evtl. auch in der Diskussion zu vertreten). Auf der anderen Seite sind die ‘stillen Vertreter’ oft Leute, die eigentlich viel Interessantes zu sagen haben, was normalerweise leider verloren geht, weil sie eben nicht den Mund aufmachen. Neben den sozialen Aspekten wird also tatsächlich das Projekt auch qualitativ vom Planning Poker profitieren.
Nicht zuletzt soll erwähnt werden, dass dieses Schätzverfahren richtig viel Spaß macht. Auch dies ist natürlich ein Selbstzweck, aber es schlummern verdeckte Vorteile darin: Liebloses und lustloses Schätzen (mit ungenauen Ergebnissen) gehört der Vergangenheit an!
Literatur
James W. Grenning: Planning Poker, or: How to avoid analysis paralysis while release planning; 2002
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